Menu
A+ A A-

Die Stunde Null

Päddy und ich schauen uns erwartungsvoll an. Es ist Sonntagabend, 18:30 im Gasthaus Vancar in Cezsoca, Vortreffen für unsern F1-Kajakkurs ab morgen. Gerade haben Katja und Ralf, ein Paar um die 30, gesagt, dass sie sich überlegt haben, den F2-Kurs zu machen. Dann haben Ute und Claus-Peter, eine Ehepaar um in den 40ern, erzählt, dass sie direkt aus Österreich kommen, wo sie gerade schon eine Woche Wildwasser gefahren sind. Tja, Päddy und ich dagegen waren in diesem Jahr dreimal auf einem Mittelgebirgsbach, Wildwasser 1. Ob wir da mithalten können?
Dann kommt unsere Kajaklehrerin an den Tisch, Ana, braune Kurzhaarfrisur, blaue Augen. "Was könnt ihr?", fragt sie. Nach den Antworten sind wir etwas beruhigter. Ute und Claus-Peter fahren erst seit einem Jahr, Ralf und Katja haben kein Wildwasser in ihrer Nähe. Es gibt noch Hoffnung, erstmal viel essen, morgen weitersehen.

Tag 1 - Panorama-Strecke

Am nächsten Morgen ist der Himmel grau. Es nieselt auf die Kajak-Basis. "Kommt, wir machen ein bisschen Blabla", sagt Ana. Sie ist das Gegenteil zum Wetter - aufgekratzt, quirlig, hyperaktiv. "Blabla machen" heißt bei ihr, wie sich dann zeigt - Instruktionen zur Technik geben. Ana malt die Strömungsrichtung an die Tafel und wie man das Boot dagegen kanten soll. Verwirrung bricht aus, was die Ausfahrt aus dem Kehrwaser angeht. Ute und Claus-Peter haben gelernt, dass man (bei der Ausfahrt aus dem Kehrwasser auf der linken Fluss-Seite) einen Bogenschlag rechts machen soll und dann links stützen. Ana erklärt dagegen, dass das eine Technik von vor 40 Jahren sei, unsicher dazu. "Wir nehmen die rechte Kante hoch und machen einen Bogenschlag links, dann eventuell einen Konterschlag links", sagt Ana. "So haben wir das Paddelblatt immer auf der Seite im Wasser zu der wir kippen könnten - gibt Sicherheit."
Eine halbe Stunde später sind wir an der Soca, bekannt von Fotos auf denen sich die Sonne in kristallklarem Wasser spiegelt. Heute trommelt Regen auf unsere Schutzhelme, peitscht auf die Wasseroberfläche, auf der sich das Grau des Himmels spiegelt, ungemütlich.
Ana blickt in die nebelverhangenen Berge. "Eigentlich nennen wir den Abschnitt, den wir heute fahren, Panoramastrecke", sagt sie. "Die Deutschen nennen sie aber auch Hausfrauenstrecke..."
"Passt ja", sagt Ralf. "Ist wie in der Waschküche heute."
Dann geht´s los und das Wetter ist sofort vergessen. Das Gute am Kajakfahren ist ja, dass man ohnehin nass wird und Regen deshalb nicht so schlimm ist wie etwa beim Wandern. "Alles easy", ruft Ana. Stimmt, kleine Schwälle, das kalte klare Wasser spritzt uns ins Gesicht. Erste Kritik trotzdem: Päddy und ich paddeln mit dem Paddelblatt zu nahe am Boot. "Bei Schwällen könnte ihr so leichter reinfallen." Das Paddel müsse weiter weg vom Boot, um dieses besser zu stabilisieren.
Wir stehen in einem Kehrwasser. Ana schaut zum grauen Himmel. "Wir fahren heute so, dass niemand schwimmen geht." Wenn sie sich da nicht mal irrt! Ich bin ein guter Kandidat und ich weiß, dass mein Kumpel Päddy auch einer ist. Wir schauen uns an, verkrampftes Lächeln. Natürlich wollen wir unsere Ana auch nicht enttäuschen - wir werden alles geben.
Das Tal ist weit, leider können wir von den Bergen kaum etwas sehen. Wir üben Kehrwasser ein- und ausfahren. Übliche Fehler bei den meisten: Wir Paddeln zu hoch, der Druckarm muss runter, um anständig Kraft auf das Boot zu übertragen. Und immer wieder hapert es am Bogenschlag! Zu hoch das Paddel. Zu nah am Boot. Der Arm nicht gestreckt. Das Paddel nicht flach genug.
"Wenn dieser blöde Regen nicht wäre, könnten wir Café trinken gehen", sagt Ana in einer Pause. Dann korrigiert sie sich. "Nein, ist gut der Regen, wir brauchen Wasser zum Kajakfahren."
Dann die Zielgerade, breit ist der Bach, kaum Strömung. Immer noch ist niemand gekentert von uns. Der Ausstieg ist in Sicht. "Jetzt mal das Boot auf die Kante stellen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wann man umkippt", sagt Ana. Ich mache es. Und falle natürlich um. Kaltes Wasser schießt mir in die Nase, die Ohren. Ich habe die Hand schon an der Spritzdecke, um sie aufzureißen. Verdammt, jetzt bin ich der einzige, der schwimmt und auch noch an dieser Stelle! Wie peinlich. Bei diesem Gedanken, sehe ich, dass das Wasser ziemlich flach ist. Das Paddel habe ich schon los gelassen, blöderweise. Aber ich komme mit den Händen bis zum Boden, drücke mich dort ab - und bin auf einmal wieder oben. Direkt neben mir steht Ute mit meinem Paddel. Ich grinse verlegen und sage: "Handrolle". Obwohl das natürliche keine Handrolle war und ich diese auch gar nicht kann. Aber Ana hat nichts gesehen und ich bin nicht geschwommen! "Alles gut?", fragt sie mich. Ich nicke und bin zufrieden mit dem heutigen Tag.

Tag 2 - Seilbahn

Am nächsten morgen ist der Himmel heller, ein paar Nebelschwaden liegen noch auf den Bergen. Aber einzelne Gipfel stechen majestätisch durch das Wolkenmeer. Vorbesprechung in der Kajakbasis. "Heute fahren wir am so genannten Frauenschlucker entlang", sagt Ana. "Ich sage lieber: die magnetische Wand, denn sie wirkt auf beide Geschlechter." Flaues Gefühl im Magen. Wir sollen im Kehrwasser davor halten und vor der Felswand traversieren. Ausgerechnet vor dieser berüchtigten Stelle!
Diesmal setzen wir die Boote nicht in Cezsoca ein, sondern wollen am Nachmittag hier wieder aussteigen. Mit einem Transporter und den Kajaks auf dem Anhänger fährt Ana uns flussaufwärts zur Einstiegsstelle. Die Strecke, die wir fahren wollen, wird auch "Seilbahn" genannt. Als wir an der Einstiegsstelle ankommen, gibt es aber leider keine Seilbahn! Wir müssen die Boote zehn Minuten über eine Waldweg ins Tal schleppen - namengebend für die Strecke war eine Materialseilbahn, die es hier mal gab. "Das Schleppen gehört dazu", sagt Ana. "Das ist Natur und hält euch fit." Sie grinst. Auf einmal hören wir es rauschen, und vor uns liegt die Soca. Sie rauscht hier über eine Stufe aus der dritten Klamm, das weiße Wasser beruhigt sich in einem Becken dahinter, schimmert dort smaragdgrün. Ein wunderschöner Platz. Doch ich bin zu aufgeregt, um das lange zu genießen. Wir steigen in die Boote, traversieren ein bisschen hin und her, um warm zu werden. Dann gibt Ana das Signal zum Aufbruch - in Richtung Frauenschlucker. Mein Puls schlägt bis zum Hals. Die Fahrt beginnt mit einer Schwallstrecke, Wasser spritzt mir ins Gesicht, vor mir ein Stein im Flussbett, gerade so kann ich ausweichen. Ana fährt in ein Kehrwasser rechts, wir hinterher. "Jetzt kommt der Frauenschlucker - und wir gehen rechts davor ins Kehrwasser", sagt sie. "Wenn ihr nicht reinkommt, nächstes Kehrwasser - alles easy!" Ich atme schwer, Angst. Ana fährt vor, ich hinterher, das Wasser spritzt, das rettende Kehrwasser vor dem Frauenschlucker taucht auf hinter einem Felsen - Ana fährt rein und ich folge. Wirklich kein Problem. Ein Sturzregen prasselt auf uns hernieder.
"Wir traversieren", sagt Ana. Machen wir mit der Bootsnase flussaufwärts. Wirklich unproblematisch, wenn man die Felswand hinter uns vergisst und das tue ich schnell.
Plötzlich bricht die Sonne durch die Nebelschwaden. Das Wasser glitzert, schimmert auf einmal türkisgrün, fast schon einladend für ein Bad. Ist es das, was Ana mit uns vor hat? "Jetzt wollen wir der magnetischen Wand hallo sagen", sagt sie. Sie fährt vor, lässt sich seitlich darauf zutreiben, rechte Bootsseite zum Stein gekehrt. Am Stein nimmt sie das Paddel in die linke Hand, berührt mit der rechten Hand den Stein. Vor allem aber kantet sie das Boot mit linken Seite hoch, zeigt also der Strömung die Bootsunterseite.
Warum das wichtig ist, zeigt sich, als Claus-Peter zur Wand fährt. Er berührt sie - sieht alles gut aus. Als er sich allerdings von der Wand abstößt, neigt sich die linke Kante seines Bootes nach unten. Die Strömung drückt dagegen. Er rudert mit den Händen in der Luft - und das Kajak kippt um. Er steigt unter Wasser aus und taucht an der Wasseroberfläche auf. Kein Problem an dieser Stelle, es ist ruhig dahinter. Trotzdem fahre ich bei dieser Übung lieber mal am Stein vorbei, denn ich bin ich mir ziemlich sicher, dass es mir dort genauso ergehen würde wie Claus-Peter. Unsere Frauen übrigens, passieren den Frauenschlucker ohne Probleme.
Nächste Übungsstelle - Pizzakehrwasser. Namensgebend hier: Die Pizza, die man bekommt, wenn man es schafft aus dem Kehrwasser auszufahren und gegenüber im nächsten Kehrwasser zwischen zwei Steinen hindurch zu kommen. "Heute gibt´s aber keine Pizza", sagt Ana. "Bei dem Wasserstand ist die Übung zu einfach." Also wir, rüber, rein, raus, hin und her. Perfekte Übungsstelle in der Sonne. Einmal bei der Kehrwasser-Ausfahrt nehme ich das Paddel auf der herunter gekanten Seite raus - und kentere. Doch es ist gar nicht schlimm, eher erfrischend. Denn direkt hinter der Stelle ist das Wasser ruhig und es gibt einen Strand, an dem ich mit dem Boot an Land kommen kann. Zum Glück sind mittlerweile auch schon Päddy, Claus-Peter und Katja gekentert, so dass ich mir nicht ganz so blöd vorkomme. Boot ausleeren und weiter.
An der nächsten Stelle starke Strömung und Ana zeigt mir, wie ich mit einem Bogenschlag flussaufwärts von einer auf die andere Seite komme und mich mit dem Ende des Schlags über die Verschneidungszone schiebe. Ich mache das etwas weiter unten als sie - aber als ich es verstanden, fühlt es sich grandios an. Ich fahre zehnmal hin und her. Dann Pause gegenüber der Mündung der Koritnica. Wir essen Müsliriegel und Ana fragt. "Auf einer Skala von null bis zehn - wie viel Kraft und Konzentration habt ihr noch?" Im Durchschnitt, wird die Zahl "4" genannt. "Das ist ein bisschen wenig, um hier noch weiter üben", sagt Ana. Gegenüber von uns liegt ein Felsen im Fluss, der "Kovac"-Stein. "Da üben wir morgen", sagt Ana. Dann steigen wir in die Boote. Wie passieren eine grün schimmernde Lagune, dann eine Schwallstrecke. Weiß rauscht das Wasser über Felsen, immer wieder tauchen dicke Steine genau vor mir auf. Gerade schaffe ich es auszuweichen, über den nächsten poltere ich, mit dumpfen Schlag des Kunststoffs. Adrenalin. Kein Kentern mehr. Und das auf der Frauenschlucker-Strecke. Ich bin zufrieden.

Tag 3 - Seilbahn

Sonne, einfach nur Sonne am Himmel. "Doch einladender als Regen", sagt Ute. Stimmt. Und wieder die Frauenschluckerstrecke. Die kennen wir ja jetzt schon. Heute deshalb mit weniger Angst, aber dennoch Aufregung geht es über die erste Schwallstrecke. Wieder Halt vor dem Frauenschlucker, diesmal zeigt uns Ana, wie man an der Stelle mit der starken Strömung flussaufwärts fährt. "Das Boot auf ein Uhr stellen, Bogenschlag links - und hoch!" ruft sie und gleitet über den Bach, so leicht sieht das aus, auf die gegenüberliegenden Seite und weiter nach oben ins nächste Kehrwasser. Dann kommt sie zurück und packt die Videokamer aus - für die Videoanalyse morgen früh.
Ich habe großen Respekt vor dem Wasser, das herunter rauscht - und traue mich deshalb nicht, vorne in die Welle zu fahren. Das bedeutet, dass ich nicht weit genug nach oben kommen und mehr Kraft brauche. Aber ich schaffe mich mit heftigen Paddelschlägen nach oben. Wir üben weiter, dann verlassen wir den Frauenschlucker, der endgültig seinen Schrecken verloren hat. Auch mich hat er nicht geschluckt.
In relativ geringer Strömung schaut ein Stein aus dem Wasser. Ana hält an. "Warum?", denke ich. "Ist doch kein Problem, daran vorbei zu kommen?" Es zeigt sich, Ana will alles andere als einfach daran vorbei zu kommen. "Wir üben jetzt Steine anschanzen", sagt sie. Sie macht es vor. Sie gibt Gas direkt vor dem Stein - und springt dann mit dem Boot darauf! Sie hängt halb drauf, rutscht dann seitlich wieder runter. Das sollen wir nachmachen? Ich bin froh, wenn ich unfallfrei am Stein vorbeikomme! Nun denn , wir versuchen es, ich eher zaghaft. "Rumms" und schnell wieder weg vom Stein. Sinn der Übung verfehlt, aber immerhin habe ich mich nicht versenkt.

Nach der Pause dann der Kovac-Stein, den wir gestern ausgelassen haben - aus gutem Grund. Als ich hinter dem Stein ins Kehrwasser fahre pumpt es auf und ab. Schnell auf der anderen Seite heraus traversieren ins nächste Kehrwasser am Ufer. Aber Ana will, dass ich hier wieder verschwinde und zurück fahre ins Kehrwasser hinter dem Kovac-Stein! Also nehme ich Tempo auf, Bogenschlag, die Strömung ist stark, ich will rum ins Kehrwasser - und wusch, ist alles kalt und blau, gekentert! Ich bin unter Wasser, nichts wie raus aus dem Boot, ein paar Meter weiter ziehe ich es an Land. Ich steige ein, ackere mich gegen die Strömung wieder flussaufwärts. Nächster Versuch, Tempo aufnehmen, Bogenschlag - Platsch! Schon wieder kentere ich. Wieder im Boot, erklärt mir Ana, warum. "Du hast die linke Kante in der Hauptströmung runter genommen", sagt sie. "Es kam Wasser von oben aufs Boot und hat dich umgeworfen." Stattdessen soll ich die linke Kante in der Rechtskurve oben behalten. Das ist wirklich ungewohnt, weil ich sie sonst beim Einfahren ins Kehrwasser runter nehme. Ich verzichte darauf, Anas Anweisung auszuprobieren, denn sie will mit uns weiter und ich möchte gerne im Boot mitkommen und nicht hinterher schwimmen.
Das ändert sich allerdings schneller als mir lieb ist. Auf der letzten Schwallstrecke, hänge ich plötzlich quer an einem Stein, es dreht mich um. Schwimmen im weißen Rauschen, Paddel und Boot festhalten - gar nicht so einfach bei der heftigen Strömung mit der Ausrüstung an Land zu kommen. Am schlimmsten ist aber das Gefühl, es plötzlich nicht mehr drauf zu haben. Dreimal gekentert in einer halben Stunde, vielleicht nicht mein Tag und ich habe auch Hunger, vielleicht liegt es auch daran. Ana hatte gesagt, dass der dritte Tag immer der schwierigste sei, beruhige ich mich. Außerdem, hat vor der Pause alles gut geklappt. Als ich an der Ausstiegsstelle ankomme, habe ich mich beruhigt. Morgen wird weniger geschwommen!

Tag 4 - Sprenica 2

Ich habe unruhig geschlafen, weil ich aufgeregt bin. Ana hatte angekündigt, dass wir heute eine schwerere Strecke fahren werden - die mit dem schönen Namen "Friedhof". Hört sich gefährlich an, auch wenn namensgebend angeblich ein Friedhof am Ufer sein soll. "Ich habe schlecht geschlafen"; sagt auch Katja. "Auf der Strecke gibt es doch Syphone." Syphone, das sind Steine, die unten ausgehöhlt sind, unter die das Wasser strömt und die einen unter Wasser festhalten können. Ana sagt: "Nicht bei diesem Wasserstand - aber wir fahren heute noch nicht Friedhof. Es gibt noch zu viel Wasser, wegen des Regens gestern."
Eben noch ängstlich, bin ich jetzt enttäuscht, dass wir nicht Friedhof fahren. Aber erstmal machen wir Video-Analyse. Ana hat uns gestern gefilmt, zum Beispiel oberhalb des Frauenschluckers, als wir in das Kehrwasser flussaufwärts gefahren sind. Die Videos laufen auf dem großen HD-Fernseher im Kursraum. Das Bild zeigt Ana, wie sie locker leicht vorne in die Welle einfährt, aufkantet, auf der gegenüber liegenden Seite des Bootes Bogenschläge macht, so auf die andere Flussseite gleitet - und dort mit ein paar Grundschlägen aufwärts ins Kehrwasser fährt. Dann ich auf dem Bildschirm. "Du fährst viel tiefer ein als ich", sagt Ana und hat damit absolut Recht.
"Weil ich Angst vor dem wilden Wasser habe", sage ich. Inzwischen sieht man aber auf dem Monitor, dass ich zwar weiter stromabwärts auf der anderen Fluss-Seite ankomme, es aber mit vollem Körpereinsatz noch bis zu Ana schaffe. "Na, gut, du hast es geschafft, weil du ein Tier bist", sagt Ana und grinst. Lehrbuchmäßig wäre anders, das ist offensichtlich. Die Videoanalyse hilft wirklich sehr dabei, die eigenen Fehler zu analysieren.
Dann geht´s los. Wir fahren heute ab Boca, das bedeutet, den zweiten Teil der Panoramastrecke, und dann die so genannte "Vor-Friedhofsstrecke" bis Sprenica II. Die Sonne scheint, an der Brücke von Boca setzen wir die Boote in kristallklares, türkis-schimmerndes Wasser. Ich erinnere mich, dass zu Anfang direkt eine Schwallstrecke kommt - nach meinem Kentern auf einer ähnlichen Schwallstrecke gestern habe ich nun sogar davor Angst. Das Wasser spritzt mir ins Gesicht, vor mir wieder ein Stein! Adrenalin, Schnappatmung, ich rumpele darüber, noch im Boot. Am Ende der Schwallstrecke stehe ich im Kehrwasser - uff. Dabei bin ich hier schon am ersten Tag ohne Probleme durchgekommen. Doch ich werde sicherer - andere aus der Gruppe schwimmen, ich nicht.
Auch nicht bei den Übungsstellen, zum Beispiel das "Karussell" das sind zwei große Felsblöcke die versetzt nebeneinander in der Strömung liegen. Wir fahren erst einmal zwischendurch, ins Kehrwasser. Ana lässt sich aber nicht beirren und fährt schon wieder vorne raus. Ich verstehe erst gar nicht was sie will, weil ich sie hinter dem Felsen nicht sehen kann. Claus-Peter fährt hoch, Kurze zeit später sehe ich ihn im Wasser, das Boot an der Hand, im Wasser auf der anderen Seite des Steins vorbei treiben. Daraufhin bin ich erstmal skeptisch und warte. "Fredolino!", höre ich Ana mich rufen. Haha, die will nur, dass ich doch noch schwimme. Ich tue so, als würde ich nichts hören. Dann kommt sie allerdings um den Stein herum. "Wo bleibst du?", fragt sie. "Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll." "Spitze auf ein Uhr stellen, raus fahren ins vordere Kehrwasser - und dann Vollgas bis ins Wellental", sagt sie. "Und dann darin rüber traversieren."
Ich lasse Katja den Vortritt. Sie kommt ohne Probleme ins vordere Kehrwasser, fährt vorne raus und kommt mit etwas Anstrengung auf die andere Seite. Jetzt bin ich dran. Ich atme tief durch, stelle die Spitze. Tatsächlich komme ich so schnell ins Kehrwasser. Aber von hier vorne sieht das Wellental, in das ich rein muss, wie der Schlund der Hölle aus! Ich sehe etwa einen Meter tief - und noch immer nicht die Basis der Welle. Was soll´s, ich bin ja heute noch nicht geschwommen, also Kante hoch und rein ins Wellental, Bogenschlag rechts. Ich komme gut rein, die Welle schiebt mich einfach rüber auf die andere Fluss-Seite. Schon bin ich auf der anderen Seite der Soca, im Kehrwasser - es fühlt sich großartig an. Drüben steht Katja und sagt: "Das sah richtig elegant aus, wie du hier rüber geglitten kamst. " Auf den letzten Metern fühle ich mich grandios. Die letzte Übung gut absolviert, kein einziges Mal geschwommen heute. Allerdings wird dieses Hochgefühl nicht lange anhalten.

Tag 5 - Friedhofsstrecke

Es ist der Tag, an dem sich unser F1-Kurs auf die Friedhofsstrecke traut. Das Wetter ist wieder grandios, 30 Grad, keine Wolke am Himmel, als wir bei Sprenica 1 die Boote ins Wasser schieben. Claus-Peter hat sich leider den Magen verdorben und kann nicht mit. "Was soll den auf deinem Stein stehen?", fragt er mich grinsend. Erst da merke ich, dass er meinen Grabstein meint - Friedhofsstrecke! Ob er die Krankheit nur vorgetäuscht hat, um sich die Strecke zu sparen? Ich grinse angespannt zurück und säusle "Gute Besserung!"
Den Prolog der Friedhofsstrecke nehmen wir noch mit. Wir üben diesmal weniger, um unsere Kräfte zu schonen. Beim Karussell komme ich heute bei zwei Versuchen nicht so elegant ins Wellental wie am Tag zuvor. Vielleicht schon ein schlechtes Omen.
Am Eingang zur Friedhofsstrecke machen wir Pause, starren auf die Steine, die aus dem türkisfarbenen Wasser ragen - Ana zeigt uns, wo wir durch müssen. "Den Stein rechts liegen lassen, dann ab durch die Mitte!" Päddy steckt sich eine Zigarette an. "Die letzte Zigarette?" witzelt Ana. Päddy lächelt, aber doch ein bisschen angespannt. Los geht es im 30 Sekunden Abstand. Ich als Letzter - das bedeutet, als ich fahre, ist mir nicht mehr klar, auf welcher Seite von welchem Stein ich vorbeifahren soll. Egal, ab durch die Mitte hatte sie gesagt. Dort ist es bedeutend heftiger als als auf den Strecken, auf denen wir bis jetzt gepaddelt sind. Ich sehe vor mir, wie Katja komplett in einem Wellental verschwindet, sie taucht aber gleich wieder auf, im Boot. Ich atme schwer und folge ihr. Dann steht meine Gruppe rechts vor mir im Kehrwasser- erste Stelle des Friedhofs geschafft!
"Der Fels dahinten heißt das Adlerhost." Ana deutet auf einen Felsen, der so hoch wie ein vierstöckiges Haus ist - und an seiner Spitze kleben Bäume und Äste, die ein monströses Hochwasser hier mal angeschwemmt haben muss. "Wir fahren rechts", sagt Ana. Dann fährt sie vor, ich wieder als letzter. Ich bin aufgeregt, das Wasser ist wild, links ist das Adlerhost, dort will ich nicht hin - ich bin in der Mitte, will nach rechts, aber irgendetwas schiebt mich nach links, als ob die Felswand magnetisch wäre! Mein Boot dreht mit der Spitze nach oben, prallt dann dumpf gegen den Felsen, es rauscht und drückt. Ich schaffe es nicht, der Strömung die Unterkante zu zeigen - wusch - schon ist mein Kopf unter Wasser, die Hand an der Spritzdecke. Ich schwimme, das Paddel habe ich in der Hand. Das Boot schwimmt irgendwo.
Ana hat es natürlich gesehen und ist losgefahren, um mein Boot zu retten. Es ist schon ein ganzes Stück weiter flussabwärts, ich muss über das steinige Ufer klettern. Schlimmer ist allerdings, dass es mir peinlich ist, dass ich als erstes gekentert bin. "Warum?", frage ich Ana. "Du hattest Rückenlage, da konnte die Strömung mit dem Boot machen, was sie wollte", antwortet sie. Rückenlage, ja verdammt - wenn es vor dem Boot wild und weiß wird, habe ich die Tendenz, mich möglichst entfernt zu halten und mich nach hinten zu lehnen. Mist. Ich steige ein, befürchte schon, dass ich jetzt die besten Stellen des Friedhofs geschwommen und gegangen bin. Doch weit gefehlt, es kommt noch einiges.
Zum Beispiel der so genannte "Korkenzieher", wo sich wilde Strömungen aus zwei Richtungen verwirbeln, mittendurch, geschafft. Dann wieder eine wilde Strömung, wir sollen mittendurch und ins Kehrwasser auf der linken Seite und explizit nicht ins Kehrwasser auf der rechten Seite. Da landen wir jedoch allesamt. Sicher ist anders. Dann stoppen wir auf der linken Seite. Zur Ausfahrt fährt Ana zwischen zwei Steinen hindurch, die kaum eine Bootsbreite voneinander entfernt sind. Das Kajak muss dafür quer zur Strömung stehen. Ich paddele zögerlich an die Steine heran. Wie soll ich hier noch mal die Kante stellen? Als ich mir diese Frage stelle, hänge ich schon komplett auf dem flussabwärts gelegenen Stein - das Boot dreht sich und ich schwimme mal wieder im kalten klaren Wasser der Soca. Als ich das Kajak an Land ziehe, sehe ich weiter unten die unsinkbare Ute schwimmen - auch sie, die in der ganzen Woche noch nicht geschwommen ist, ist im Wasser, Ana sichert ihr Boot. Als ich neben Ute der Ausstiegsstelle entgegen paddele, sagt sie: "Die Strecke ist schon noch mal ein anderes Kaliber als das, was wir bis jetzt gepaddelt sind." Ich nicke. Ich würde am liebsten morgen nochmal hier paddeln, um es besser zu machen. Ana grinst mich an und umarmt mich. "Du hast es geschafft Fredolino", sagt sie. Aber mir reicht das Geschaffte noch nicht. Ich komme wieder!

Impressionen vom F1-Kurs:

(für weitere Bilder aufs Bild klicken)

Koritnica Klamm Socakajakkurs

Login or Registrieren